— Decision Time
Wie viel Entscheidung verdient eine Entscheidung?
Schnelle Entscheidungen gelten als mutig oder fahrlässig.
Langsame als gründlich oder bürokratisch.
Beides sagt zunächst erstaunlich wenig über ihre Qualität aus.
Schnell ist nicht dasselbe wie intuitiv
Schnelle Entscheider können mehr Informationen nutzen
Nicht jede zusätzliche Stunde erzeugt zusätzliche Erkenntnis
Manchmal muss nicht die Entscheidung schneller, sondern kleiner werden
Schnell ist nicht dasselbe wie intuitiv
Wir werfen zwei Fragen gern zusammen:
Wie denke ich? Und wie lange brauche ich dafür?
Das ist praktisch, aber falsch.
Eine intuitive Entscheidung kann lange brauchen. Man kann drei Tage mit einer Sache herumlaufen, ohne eine systematische Analyse zu erstellen, und am Ende sagen: Jetzt fühlt es sich richtig an.
Eine analytische Entscheidung kann dagegen innerhalb von zwanzig Minuten fallen, wenn die Daten vorhanden, die Kriterien klar und das Problem bekannt sind.
Auch wissenschaftlich begegnen uns deshalb zwei verschiedene Bedeutungen von „schnell“.
In psychologischen Experimenten kann Geschwindigkeit die Reaktionszeit eines Menschen bei einer einzelnen Entscheidung meinen.
In Unternehmen bezeichnet Decision Speed dagegen die Dauer eines ganzen organisatorischen Entscheidungsprozesses: Informationen beschaffen, Alternativen analysieren und sich schließlich auf eine Handlung festlegen. Davon wiederum unterscheiden sich Umsetzungsgeschwindigkeit und Reaktionsgeschwindigkeit.
Ein Unternehmen kann also schnell entscheiden und langsam umsetzen. Oder monatelang entscheiden und danach innerhalb von zwei Tagen handeln.
Schon deshalb lohnt es sich, bei „Wir müssen schneller werden“ zu fragen: Wobei eigentlich?
Schnelle Entscheider können mehr Informationen nutzen
Eine der hartnäckigsten Annahmen lautet:
Wer schnell entscheidet, prüft weniger.
Kathleen Eisenhardts klassische Untersuchung schnelllebiger Technologieunternehmen zeigte etwas anderes. Die schnell entscheidenden Führungsteams arbeiteten mit umfangreichen Informationen und betrachteten mehrere Alternativen. Geschwindigkeit und Informationsbreite waren dort keine Gegensätze.
Das ist kontraintuitiv.
Vielleicht werden Entscheidungen nämlich nicht nur langsam, weil Informationen fehlen.
Sie können auch langsam werden, weil Verantwortlichkeiten unklar sind, Informationen nacheinander statt parallel beschafft werden, dieselben Fragen mehrfach durch verschiedene Ebenen wandern oder niemand weiß, wann genug bekannt ist.
Die inzwischen wesentlich breitere Forschung zeichnet allerdings kein simples „schneller ist besser“-Bild. Eine aktuelle Meta-Analyse von 127 Studien findet im Durchschnitt zwar einen positiven Zusammenhang zwischen Entscheidungsgeschwindigkeit und Unternehmensperformance. Dieser Zusammenhang verändert sich aber deutlich mit Kontext und Messmethode. Bei objektiven Performance-Maßen war die Beziehung in der entsprechenden Teilgruppe nur klein und statistisch nicht eindeutig; in dynamischen Branchen fiel der Zusammenhang stärker aus.
Die brauchbare Aussage lautet also nicht: Entscheidet schneller.
Auch nicht: Nehmt euch mehr Zeit.
Sondern: Die richtige Entscheidungsgeschwindigkeit hängt von der Entscheidung ab.
Nicht jede zusätzliche Stunde erzeugt zusätzliche Erkenntnis
Zeit hat bei Entscheidungen nur dann einen Wert, wenn während dieser Zeit etwas Relevantes passiert.
Eine neue Information entsteht. Eine Annahme wird überprüft. Eine Alternative taucht auf.
Eine Konsequenz wird sichtbar. Ein Betroffener liefert Wissen, das vorher gefehlt hat.
Wenn nichts davon passiert, wird aus zusätzlicher Entscheidungszeit irgendwann reine Wartezeit.
Das lässt sich rückblickend erstaunlich gut prüfen.
Nehmt wieder nicht eure theoretischen Entscheidungsprinzipien, sondern eure letzten fünf größeren Entscheidungen:
- Wann war die spätere Entscheidung inhaltlich bereits weitgehend klar?
- Was habt ihr danach noch gelernt?
- Und welche Information hat die endgültige Entscheidung tatsächlich verändert?
Es kann völlig vernünftig sein, eine Entscheidung drei Monate vorzubereiten. Aber wenn in Monat zwei und drei nur noch Meetings, Freigaben und zusätzliche PowerPoint-Seiten hinzukamen, war die Entscheidung nicht drei Monate komplex.
Der Entscheidungsprozess war drei Monate lang. Das ist etwas anderes.
Manchmal muss nicht die Entscheidung schneller, sondern kleiner werden
Besonders interessant wird es dort, wo eine Entscheidung deshalb langsam wird, weil relevante Informationen vor der Handlung gar nicht verfügbar sein können.
- Wird der Markt das Angebot annehmen?
- Versteht die Zielgruppe das Versprechen?
- Funktioniert das Format?
- Reagieren Menschen auf die neue Positionierung?
Man kann solche Fragen länger diskutieren. Oder man verändert die Entscheidung. Statt über die vollständige Lösung zu entscheiden, entscheidet man über eine erste testbare Version.
Damit wird aus:
denken → endgültig entscheiden → umsetzen
eine andere Schleife:
denken → vorläufig handeln → beobachten → neu entscheiden.
Das ist im Kern auch die Logik hinter dem adtracktive-Dreischritt „Prototyp bauen. Unsicherheit reduzieren. Fundiert entscheiden.“ Es geht um Situationen, in denen noch nicht klar ist, was trägt, aber eine erste oder nächste Version testbar gemacht werden kann.
Das ist keine Aufforderung, jede große Entscheidung leichtfertig in einen Test umzuwandeln.
Manche Entscheidungen lassen sich kaum zurückholen. Manche Experimente sind selbst teuer. Manche Wirkungen zeigen sich erst Jahre später.
Aber bei anderen Entscheidungen besteht der eigentliche Fehler vielleicht darin, monatelang Sicherheit über etwas erzeugen zu wollen, das sich erst nach Kontakt mit der Realität wissen lässt.
Dann lautet die Alternative zu langsam entscheiden nicht zwingend schnell entscheiden. Sie lautet: eine kleinere Entscheidung bauen.
Das Wichtigste auf einen Blick
KEY POINT #1
Schnell und intuitiv sind nicht dasselbe.
Geschwindigkeit beschreibt Zeit, nicht automatisch den Denkprozess.
KEY POINT #2
Schnelligkeit muss Gründlichkeit nicht ausschließen.
Gute Informationsarchitektur kann beides ermöglichen.
KEY POINT #3
Zusätzliche Entscheidungszeit ist nur dann wertvoll, wenn sie zusätzliche entscheidungsrelevante Erkenntnis erzeugt.
KEY POINT #4
Bei Unsicherheit kann ein Prototyp die Entscheidung verändern:
Nicht früher endgültig entscheiden, sondern früher etwas Entscheidbares erzeugen.
