— Decision Time

Wie viele Entscheidungen treffen wir am Tag?

35.000 Entscheidungen am Tag. 95 Prozent davon unbewusst.

Solche Zahlen werden medial erstaunlich häufig genannt.

Interessanterweise sind sehr viel präziser als die Forschung dahinter.

 

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Sind es wirklich 35.000 Entscheidungen pro Tag?

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Was zählt überhaupt als Entscheidung?

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Wie viele Entscheidungen erfolgen unbewusst?

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Wie organisieren Unternehmen Entscheidungen?

Sind es wirklich 35.000 Entscheidungen pro Tag?

Wer nach der Zahl unserer täglichen Entscheidungen sucht, begegnet schnell einer beeindruckenden Antwort: 35.000. Bei  16 wachen Stunden wären das mehr als 36 Entscheidungen pro Minute. Also ungefähr alle anderthalb Sekunden eine.

Das klingt nach Wissenschaft.

Die Quellenlage ist erheblich weniger eindeutig.

Die Zahl findet sich sogar in wissenschaftlichen Publikationen. Eine viel zitierte Begriffsanalyse zur sogenannten Decision Fatigue beginnt beispielsweise mit der Aussage, ein amerikanischer Erwachsener treffe geschätzt 35.000 Entscheidungen am Tag. Als Quelle nennt die Arbeit allerdings keine Studie, in der solche Entscheidungen tatsächlich gemessen oder gezählt wurden, sondern einen Beitrag von Jim Sollisch aus dem Jahr 2016.

Das bedeutet nicht, dass Menschen nicht 35.000 Entscheidungen treffen könnten. Es bedeutet etwas viel Einfacheres: Wir haben keine belastbare Messung, mit der sich ausgerechnet diese Zahl begründen lässt.

Und selbst neuere Veröffentlichungen übernehmen sie teilweise weiter. Ein Review von 2025 nennt erneut rund 35.000 Entscheidungen täglich und verweist dabei wiederum auf Arbeiten, die letztlich dieselbe Zitationskette fortführen.

Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie aus einer Schätzung allmählich eine vermeintliche Tatsache werden kann.

Die Zahl wird zitiert. Dann wird die zitierende Quelle zitiert. Irgendwann sieht eine Aussage, die ursprünglich kaum gemessen wurde, sehr gut belegt aus.

Die wissenschaftlich sauberere Antwort auf die Frage „Wie viele Entscheidungen trifft ein Mensch pro Tag?“ lautet deshalb derzeit: Wir wissen es nicht. Nicht, weil sich noch niemand für Entscheidungen interessiert hätte. Sondern weil schon die scheinbar einfache Frage ein schwieriges Problem enthält.

Was zählt überhaupt als Entscheidung?

Stellen wir uns einen ganz normalen Morgen vor. Getrunken wird: Kaffee.

War das eine Entscheidung? Vielleicht. Oder mehr als eine? Ziemlich sicher.

Aber wie viele Entscheidungen exakt? Möglicherweise die binäre Entscheidugn zwischen Kaffee und Tee. Eventuell die Frage: Heute überhaupt Kaffee? Mit Milch oder ohne? Welche Tasse? Wie viel Kaffee? Jetzt oder in zehn Minuten? Im Sitzen oder unterwegs?

Man kann denselben Vorgang als eine Entscheidung beschreiben – oder ihn in fünf, zehn oder zwanzig kleinere Entscheidungen zerlegen. Genau dieses Problem ist inzwischen selbst Gegenstand der Forschung.

Besonders anschaulich ist die lange verbreitete Behauptung, Menschen träfen mehr als 200 Entscheidungen über Essen und Trinken pro Tag.

Die ursprüngliche Untersuchung kam zunächst auf durchschnittlich nur 14,4 geschätzte Essensentscheidungen. Anschließend wurden die Teilnehmer getrennt nach Entscheidungen zu was, wann, wie viel, wo und mit wem gefragt. Aus der Summe dieser Teilfragen entstand schließlich eine Zahl von mehr als 200 Entscheidungen.

Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung haben diese Messung 2025 noch einmal untersucht. Ihr Einwand ist fundamental: Wenn man eine Gesamtfrage in viele kleinere Kategorien aufteilt und anschließend alle Schätzungen addiert, kann allein die Methode die geschätzte Gesamtzahl drastisch erhöhen.

Die Autoren warnen deshalb davor, aus solchen Angaben eine objektive Zahl täglicher Entscheidungen abzuleiten. Der Punkt reicht weit über Essen hinaus.

„Wie viele Entscheidungen treffen wir am Tag?“

Vielleicht ist schon die Frage falsch gestellt. Bevor wir zählen können, brauchen wir eine Einheit. Und genau die ist bei menschlichen Entscheidungen erstaunlich schwer festzulegen.

Bevor wir Entscheidungen zählen können, müssen wir also zunächst entscheiden, was überhaupt als Entscheidung zählt.

Wie viele Entscheidungen erfolgen unbewusst?

Auch darauf liefert das Internet eine angenehm klare Zahl: 95 Prozent. Sie taucht besonders häufig im Marketing auf. Dort heißt es dann beispielsweise, 95 Prozent unserer Kaufentscheidungen fänden im Unterbewusstsein statt.

Eine prominente Quelle dafür ist ein Interview der Harvard Business School mit Gerald Zaltman aus dem Jahr 2003. Schon innerhalb derselben Seite wird allerdings etwas Interessantes sichtbar: Die Einleitung spricht von 95 Prozent des purchase decision making. Die eigentliche Frage an Zaltman bezieht sich dagegen auf die Annahme, 95 Prozent aller cognition liefen unbewusst ab.

Das ist nicht dasselbe.Kognition ist nicht Entscheidung. Und Kaufentscheidung heißt noch lange nicht: jede Entscheidung.

Aus der Aussage, ein großer Teil unserer kognitiven Verarbeitung laufe außerhalb bewusster Aufmerksamkeit ab, lässt sich deshalb nicht ableiten: 95 Prozent aller Entscheidungen eines Menschen sind unbewusst.

Dazu kommt ein grundsätzliches Messproblem: Auch die Grenze zwischen bewusst und unbewusst ist wissenschaftlich wesentlich komplizierter, als eine 95/5-Grafik suggeriert.

Eine viel beachtete kritische Übersicht von Ben Newell und David Shanks untersuchte mehrere Forschungsfelder zum Einfluss unbewusster Prozesse auf Entscheidungen. Ihr Ergebnis fiel erheblich zurückhaltender aus als viele populärwissenschaftliche Darstellungen. Unter anderem seien Bewusstheit häufig unzureichend gemessen und spektakuläre Ergebnisse teilweise überinterpretiert worden.

Auch die Forschung zu automatischem Verhalten warnt vor einer einfachen Gleichsetzung:

Schnell ist nicht automatisch unbewusst.
Unbewusst ist nicht automatisch unkontrolliert.
Automatisch ist nicht automatisch irrational.

Agnes Moors zeigt in einem großen Forschungsüberblick, dass Eigenschaften wie bewusst/unbewusst, kontrolliert/unkontrolliert, schnell/langsam und effizient/aufwendig unterschiedliche Dimensionen sind. Sie müssen nicht immer gemeinsam auftreten.

Damit wird aus einer schönen Prozentfrage leider keine schöne Prozentantwort. Aber eine interessantere Frage.

Denn natürlich folgt daraus nicht, dass wir jeden Morgen sämtliche Handlungen vollständig bewusst planen. Im Gegenteil. Menschen sind hervorragend darin, wiederkehrendes Verhalten zu automatisieren.

Wendy Wood, Jeffrey Quinn und Deborah Kashy ließen Versuchspersonen in zwei Tagebuchstudien regelmäßig festhalten, was sie gerade taten und woran sie dabei dachten. Je nach Untersuchung wurden ungefähr 35 bis 43 Prozent der erfassten Verhaltensweisen als habitualisiert eingestuft: Die Teilnehmer führten sie fast täglich und typischerweise im selben Kontext aus.

Auch diese Zahl bedeutet ausdrücklich nicht, dass 35 oder 43 Prozent unserer Entscheidungen unbewusst seien. Sie zeigt etwas anderes. Ein großer Teil unseres Alltags besteht aus Handlungen, für die wir nicht jedes Mal einen kompletten neuen Entscheidungsprozess aufsetzen. Das ist keine Fehlfunktion. Es ist wahrscheinlich eine Voraussetzung dafür, überhaupt handlungsfähig zu bleiben.

Wir haben Gewohnheiten. Wir bilden Faustregeln. Wir verwenden Standards. Wir wiederholen bewährte Abläufe und Routinen. Wir reagieren auf vertraute Situationen.

Weil unsere Gehirne darauf optimiert sind, Energie zu sparen, werden komplexe Verhaltensweisen, die wir ausreichend häufig wiederholen, vom bewussten Denken (präfrontaler Kortex) in die automatisierten Bereiche des Gehirns (Basalganglien) transferiert. Diese mentale Automation wird als „Chunking“ (Musterbildung) bezeichnet. Wir reservieren bewusste Aufmerksamkeit für einen kleineren Teil dessen, was gerade passiert.

Spätestens die Wörter Standards, Faustregeln und bewährte Abläufe (best practice) führen uns unmittelbar zu Unternehmen und wie Unternehmen „entscheiden“.

Wie organisieren Unternehmen Entscheidungen?

Wir sagen ständig: Das Unternehmen hat entschieden. BMW entscheidet. Ein Mittelständler entscheidet. Der Vertrieb entscheidet. Das Management entscheidet. Natürlich tut ein Unternehmen biologisch nichts davon. Menschen entscheiden.

Trotzdem ist die Formulierung nicht vollkommen falsch. Denn Organisationen beeinflussen systematisch, wie menschliche Entscheidungen zustande kommen. Sie definieren Zuständigkeiten. Sie setzen Budgetgrenzen. Sie schaffen Prozesse und Freigaben. Sie bestimmen Kennzahlen. Sie verteilen Informationen. Sie automatisieren Abläufe. Sie schaffen Routinen.

Und sie legen damit indirekt fest, welche Fragen überhaupt noch als Entscheidung auftauchen. Die Organisationsforschung beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit genau diesem Problem.

William Ocasios Attention-Based View of the Firm formuliert einen besonders interessanten Gedanken: Was Unternehmen tun, hängt unter anderem davon ab, worauf ihre Entscheider ihre Aufmerksamkeit richten.

Und diese Aufmerksamkeit entsteht nicht unabhängig von der Organisation. Regeln, Ressourcen, Beziehungen und konkrete Situationen lenken mit, welche Probleme und Antworten überhaupt in den Fokus gelangen.

Der Ansatz ist inzwischen breit weiterentwickelt worden. Eine systematische Übersicht über 173 Arbeiten beschreibt organisatorisches Verhalten ebenfalls als Ergebnis einer verteilten und situativ geprägten Aufmerksamkeit innerhalb organisationaler Strukturen.

Man könnte es etwas einfacher ausdrücken: Ein Unternehmen hat kein Gehirn. Aber es hat eine Aufmerksamkeitsarchitektur. Und viele gute Entscheidungen sollten irgendwann gar nicht mehr wie Entscheidungen aussehen.

Ein Unternehmen, das jeden Morgen erneut entscheidet, ob Rechnungen bezahlt werden, wie ein Standardauftrag bearbeitet wird oder wer eine bestimmte Kundenanfrage übernimmt, hätte vermutlich kein besonders gutes Entscheidungssystem. Es hätte zu wenige Regeln. Organisationale Routinen sind deshalb nicht nur lästige Bürokratie. In der Forschung werden sie als wiederkehrende, erkennbare Muster voneinander abhängiger Handlungen mehrerer Beteiligter beschrieben.

Sie ermöglichen Organisationen, wiederkehrende Situationen zu bearbeiten, ohne jedes Mal vollständig bei null anzufangen. Das ist die organisatorische Entsprechung unserer Gewohnheiten – ohne dass beides dasselbe wäre.

Vielleicht besteht gutes Entscheiden deshalb nicht darin, möglichst viele Entscheidungen besonders gut zu treffen. Vielleicht besteht es teilweise darin, herauszufinden: Welche Entscheidung müssen wir gar nicht jedes Mal neu treffen? Ein wiederkehrender Rabatt bis zu einer definierten Höhe kann delegiert werden. Eine häufige Kundenanfrage kann einen Standardprozess bekommen. Eine bestimmte Investition kann unterhalb einer Schwelle ohne Geschäftsführung freigegeben werden. Ein wiederkehrendes Qualitätsproblem kann zur Regel führen, statt jeden Einzelfall erneut zu diskutieren.

Die Entscheidung verschwindet dabei nicht vollständig. Sie wandert. Aus hundert Einzelentscheidungen wird eine Entscheidung über die Regel. Und genau hier entsteht die Gegenseite.

Denn dieselbe Organisation, die Entscheidungen effizient aus dem Alltag entfernt, kann dadurch auch verhindern, dass wichtige Fragen noch einmal gestellt werden. Eine Kennzahl wird einmal definiert und anschließend jahrelang optimiert. Eine Zielgruppe gilt irgendwann einfach als „unsere Zielgruppe“. Sales Leads werden nach denselben Kriterien aussortiert. HR sucht immer wieder ähnliche Lebensläufe. Marketing verteilt Budget anhand historischer Performance. Ein Produkt wird weiterentwickelt, weil niemand mehr fragt, ob genau dieses Produkt eigentlich noch das richtige ist. Das Unternehmen trifft dann scheinbar keine neue Entscheidung. Tatsächlich wirken alte Entscheidungen weiter.

Das ist auch eine Konsequenz begrenzter Rationalität: Organisationen können nicht jederzeit alle Informationen prüfen und sämtliche Möglichkeiten neu berechnen. Forschung zu bounded rationality betrachtet deshalb unter anderem, wie Unternehmen Suche und Lernen organisieren, wie Akteure sich gegenseitig anpassen und wie Informationen für Entscheidungen überhaupt zusammengeführt werden.

Routinen sparen Aufmerksamkeit. Aber manchmal sparen sie genau die Aufmerksamkeit ein, die gerade gebraucht würde. Vielleicht ist deshalb 35.000 gar keine besonders nützliche Zahl. Selbst wenn wir sie eines Tages exakt messen könnten.

Für einen Entscheider wäre noch immer wichtiger: Wie viele und welche Entscheidungen verdienen meine Aufmerksamkeit? Welche Entscheidung treffe ich jeden Tag neu, obwohl sie längst eine Regel sein könnte? Welche Entscheidung landet bei mir, obwohl jemand anderes näher am Problem sitzt? Welche Routine funktioniert so gut, dass niemand mehr über sie nachdenken muss? Und welche Routine funktioniert nur deshalb weiter, weil niemand mehr über sie nachdenkt? Welche Fragen kommen zuverlässig auf meinen Tisch? Und welche wichtigen Fragen erreichen ihn überhaupt nicht? Das ist nicht nur ein persönliches Produktivitätsthema. Es ist eine Frage der Organisationsgestaltung.

Bei adtracktive geht es darum, vorhandenes Material zu durchdringen, Relevantes von Ablenkung zu trennen und die nächsten Entscheidungen vorzubereiten. Denn Zeit, Budget und Aufmerksamkeit sollen dorthin fließen, wo sie tatsächlich Wirkung entfalten.

Vielleicht ist Aufmerksamkeit dabei die knappste der drei Ressourcen. Denn verlorenes Budget kann manchmal ersetzt werden. Zeit gelegentlich aufgeholt. Eine Frage, die niemand als Frage erkannt hat, bekommt dagegen möglicherweise nie eine Entscheidung.

Die interessantere Kennzahl lautet deshalb vielleicht nicht: Wie viele Entscheidungen treffen wir? Sondern: Wie viele der wichtigen Entscheidungen erkennen wir rechtzeitig als solche?

Das Wichtigste auf einen Blick

KEY POINT #1

Wie viele Entscheidungen trifft ein Mensch am Tag?

Eine belastbare allgemeine Zahl gibt es derzeit nicht. Die häufig genannten 35.000 sind keine solide gemessene Tageszahl.

KEY POINT #2

Treffen wir 95 Prozent unserer Entscheidungen unbewusst?

Auch dafür gibt es keine belastbare universelle Quote. Unbewusste Verarbeitung, Gewohnheiten, automatische Prozesse und Entscheidungen sind miteinander verbunden – aber nicht dasselbe.

KEY POINT #3

Warum müssen wir trotzdem nicht alles bewusst entscheiden?

Weil Menschen Verhalten routinisieren und automatisieren. Das reduziert den Bedarf, wiederkehrende Situationen ständig neu zu bearbeiten.

KEY POINT #4

Und was bedeutet das für Unternehmen?

Unternehmen organisieren Aufmerksamkeit, Regeln, Routinen, Informationen und Zuständigkeiten. Dadurch beeinflussen sie nicht nur, wie entschieden wird, sondern auch, was überhaupt als Entscheidung sichtbar wird.